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25 Jahre Rheingau Musik Festival - Sendereihe zur Festivalgeschichte in hr2-kultur

Die große musikalische Bandbreite der Konzerte ist ebenso Thema wie die des Weines, des anderen Aushängeschildes dieser landschaftlich so reizvollen Region. Unter www.hr2-kultur.de stehen die Beiträge als Podcasts zur Verfügung, aber auch hier im BLOG.

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PERSPEKTIVEN

Folge 14 | »Ein Lächeln, weggeweht vom Sturm«

15.7. Zu Gast in der Neuen Synagoge Mainz - mit Corinna Harfouch, Latica Honda-Rosenberg und Hideyo Harada

Corinna Harfouch Alma Rose

Bereits vor Beginn des musikalisch-literarischen Programms nutzen viele Besucher die Gelegenheit, sich in der Neuen Synagoge, die seit 2010 das Bild der Mainzer Neustadt mitprägt, umzusehen und einen Blick in ein beeindruckendes Gebäude zu werfen, welches nur selten seine Türen für die Öffentlichkeit öffnet. Für diesen Abend war sie Spielstätte des Rheingau Musik Festivals - und die einzig passend erscheinende, wirkte doch die Darstellung der Biographie der Musikerin Alma Rosé, deren Leben in den Abgründen von Auschwitz endete, innerhalb dieser erstaunlichen verwinkelten Architektur, die das jüdische Leben repräsentiert, gut aufgehoben.

 

Den Zuhörern bot sich ein außergewöhnliches Programm, welches von einem powervollen weiblichen Trio bestehend aus Corinna Harfouch, Latica Honda-Rosenberg und Hideyo Harada selbst zusammengestellt wurde. In eigener Regie hatten die drei Künstlerinnen aus Zeitzeugendokumenten, Briefen und Biographien das Leben der Alma Rosé rekonstruiert und ließen dieses vor dem innere Auge der Zuschauer lebendig werden; jede Lebensepisode begleitet von einem ausgewählten Musikstück, welches Alma zu dieser Zeit entweder selbst gespielt hatte, oder welches das Gehörte auf andere Weise ergänzte. Dabei warf gerade das Geigenspiel von Latcia Honda-Rosenberg einen ganz besonderen Blick auf die Biographie, meinte man doch, Alma selbst in den Tönen, die die Künstlerin ihrer Geige manchmal zart und unwirklich, manchmal fast schmerzhaft hart entlockte, zu erkennen.

 

In einer Intensität, die den Zuhörern keine Zeit für Zwischenapplaus oder kurze Verschnaufpausen ließ, wurde Almas tragisches Leben, welches nach einer unbeschwerten Kindheit in Wien – repräsentiert durch Stücke von Schumann und Beethoven –, von Flucht, Versteckspiel und der anschließenden Internierung in Auschwitz geprägt war, ausgebreitet und dem Zuhörer so nahe gebracht, dass ihm die Worte und die Musik immer wieder unter die Haut gingen.

 

So war es denn auch ein unvergleichlicher Moment, als der Klang der einzig bekannten und erhalten gebliebenen Tonaufnahme von Almas Geigenspiel erklang und die Künstlerin selbst für einen Moment zwischen den drei Darstellerinnen des Abends auf der Bühne zu stehen schien. Dieses Leben so intensiv nachzuempfinden und durch den Blick so vieler unterschiedlicher Quellen gespiegelt zu bekommen, versetzte nicht nur den Zuhörer in eine sehr nachdenkliche Stimmung, sondern ging auch den Künstlerinnen auf der Bühne sichtlich nah. Man konnte förmlich spüren, dass die Premiere dieser einzigartigen Zusammenstellung an diesem besonderen Ort für alle Anwesenden ein bewegender Abend war, der noch lange nachklingen wird.

Lena Wetenkamp

PERSPEKTIVEN

Folge 13 | »Unterwegs« mit Roger Willemsen

13.7. Musikalisch-literarischer Abend über die »Enden der Welt«

Roger Willemsen

Schon ganz zu Beginn des Abends machte Roger Willemsen seinen Gästen mit den Worten »Gelesen wird nicht!« klar, dass es sich bei der heutigen Veranstaltung im Fürst-von-Metternich-Saal des Schloss Johannisberg nicht um eine Lesung im klassischen Sinne handeln würde. In einem fortwährend frei gesprochenen Dialog mit dem Publikum nahm Willemsen seine Zuhörer mit auf eine Reise zu den »Enden der Welt«, eine Reise, auf die jeder der versammelten nur allzu gerne folgte, um dem ungemütlichen nass-kalten, fast herbstlichen Wetter zu entfliehen, was sich grau außerhalb der Fenster des Saales ausgebreitet hatte.

 

Willemsen gelang es mit seiner ihm eigenen Beschreibungsintensität, die Aura sehnsuchtsumsponnener Orte wie Timbuktu, Myanmar oder Patagonien heraufzubeschwören und die Zuhörer eintauchen zu lassen in fremde Welten. Dabei erzählt er von zufälligen Begegnungen, wie die unerwartete Gratis-Umarmung einer chilenischen Studentin, oder  besonderen Momenten, wie dem erstaunlichen Anblick der Bäuerin in Patagonien, die nur mit einer Stirnlampe bekleidet in der vollkommenen Dunkelheit der patagonischen Steppe badete. Dabei gerieten auch die Zuschauer von Anfang an in den Sog seiner dichten Sprache, die in ausgefeilten, fast detailverliebten Wortbildern beispielsweise den Zauber und die Farbintensität eines grünen und von Melonen, Trauben und Datteln bewachsenen Flusstals in Afghanistan heraufbeschwor, welches die eintönige sandfarbene Wüstenlandschaft durchbrach. Immer wieder kommt Willemsen auf die Kraft und die Ausstrahlung der Natur zu sprechen. So prägt sich das leitmotivisch das Programm strukturierende Bild einer konturlosen Landschaft, die den Wanderer auffordert einzuhalten und umzudrehen, weil das Weitergehen keine Änderung des Bildes ergeben würde, dem Zuhörer besonders ein, da Willemsen seinen Reigen der Orte mit dieser Landschaft eröffnet und schließt. Dabei begegnet ihm diese Eintönigkeit sowohl am Anfang all seiner Reisen im Norden Deutschlands, als auch in den Steppen Afghanistans und symbolisch im Weiß der Krankenhausdecke, die das Blickfeld eines im Sterben liegenden Jungen begrenzt. Diese Unwirklichkeit, die ihm dort begegnet ist die Folie, vor denen sich die Geschichten aufspannen, die er dem Zuhörer darbietet. Dabei gelingt es dem Autor sein kosmopolitisches Publikum mit manchen Geschichten zum Nachdenken anzuregen, andere sind mit soviel Wortwitz und Komik erzählt, dass so manchem Gast kaum Zeit zum Luftholen zwischen den Lachanfällen bleibt.

 

Eine Besonderheit des Abends ist der ständige Dialog mit der Musik, da die Ausführungen Willemsens von Olena Kushpler am Klavier begleitet und kommentiert werden. Die gewählten Stücke greifen dabei teilweise die Stimmung auf, in der das Gehörte den Zuhörer versetzt hat, teils sind sie selbst eine Reminiszenz ans Reisen, da sie von Komponisten aus aller Welt verfasst wurden. Dabei wird ein Bogen von Philip Glass aus den USA bis hin zu Arvo Pärt aus Estland gespannt. Die Interpretation von Olena Kushpler spürt dabei den Tönen nach, wie Willemsen den Worten nachspürt und oft scheinen sich ihre Finger nur schwer von den Tasten lösen zu können, als wolle sie noch den letzten Klanghauch festhalten wollen. Gerade dieser Wechsel zwischen dichten poetischen Sprachbildern und dem wundervollen Klang des Flügels machen diesen Abend zu einem Genuss der ganz besonderen Art.

Autorin: Lena Wetenkamp, 28, promoviert im Bereich der Neueren Deutschen Literaturwissenschaft am Deutschen Institut der Johannes Gutenberg-Universität Mainz.

PERSPEKTIVEN

Folge 12 | Konzertbericht: Ladies' Night

12.7. Nadéah & China Moses

Ladies Night
China Moses (links); Nadéah (rechts). (c) AKM

Kontrastreiches Programm - doch ganz »ladylike«

Unterschiedlicher konnten die angebotenen Bildwelten kaum sein ­– bei der Ladies' Night im Wiesbadener Kurhaus war für jeden Konzertgast etwas dabei.

 

Wild und bunt spielte die australische Künstlerin Nadéah mit den Konstruktionen von Gender, Genre und Glamour. Während ihre Pianistin als krawattierter Dandy gekonnt Backings, Gitarre und Klavierparts beisteuerte, inszenierte sich Nadeah im schwarz-roten Bühnenkleid und Blume im Haar als wandelbare »Carmen«. Phallozentrische Rockposen, punkiger Riot-Grrl-Habitus und sensitiv-introvertierter Singer-Songwriter-Charme waren als musikalische Gesten der Variation ebenso präsent wie das markante Timbre ihrer Stimme, das die brillanten Arrangements des Ensembles gestaltete. Die Songs, primär aus dem aktuellen Album »Venus gets even« entstammend, zeichneten jeweils klare und kohärente Stimmungen und Bilder verschiedenster Mileus: Neben klassischen Rocknummern wie »Nobody but you« und lyrischen Momenten wie in »Stumbling«, erzählten vor allem der expressive Tango »I burned a Cowboy at the Melbourne Airport«, das funky-bluesige »Humdrum« sowie der Country-Roadmovie-Song »Ain’t got no time« spannende Geschichten um Liebe, Leiden und Verrücktheit. Dabei gab sich Nadeah, stets in Interaktion mit dem Publikum - so brachte sie das gesamte Wiesbadener Kurhaus zum Singen -, als »Star zum Anfassen«: »Let’s meet in the Foyer to say ‚Hi’.«, bot sie den begeisterten Zuhörern an.

 

Ganz klassisch, die Herren in Anzügen, die Dame im »Kleinen Schwarzen«, präsentierte sich dagegen das Ensemble um die US-amerikanische Jazzsängerin China Moses und versetzte das Publikum in den Jazzclub der 1950er Jahre. Überaus elegant, lasziv und souverän führte sie  durch das Programm: Von selbstbewussten Frauen wolle sie erzählen, von den »Grand Dames des Jazz«, von Bessie Smith, Della Reese, Etta James, Ester Phillips und Dinah Washington und mithilfe jener Songs, die sie selbst im Alter von sechs Jahren - so eine ihrer Anekdoten - bereits als Klassiker rezipiert hatte. Und so handeln die mit großer Stimme und Emphase vorgetragenen sowie durch den französischen Pianisten Raphaël Lemonnier professionell swingenden Blues- und Jazznummern mehrheitlich vom energischen Aufbegehren, vom leidenschaftlichen Lieben, Streiten und Fordern. »Why don’t you do right?« (Della Reese) und »You have to choose between me and your Cherry Wine« (Ester Phillips) fragte und verlangte China Moses, sowie »I just wanna make love to you« (Etta James). Ein emotionales Programm auf hohem Niveau.

Zur Autorin: Judith Kissel studierte Germanistik, Musikwissenschaft und Theaterwissenschaft an der Johannes Gutenberg-Universität in Mainz und absolviert aktuell die finalen Magisterprüfungen. Nach einer Gesangsausbildung am Collegium Musicum sang sie ihm Rahmen der EuropaChorAkademie internationale Projekte u.a. unter Sylvain Cambreling, Placido Domingo, Krzysztof Penderecki und Vladimir Jurowski in u.a. Peking, London, New York, Luxembourg und Brüssel. Nach Erfahrungen in der Konzertorganisation und Künstlerbetreuung, u.a. beim Usedomer Musikfestival und in der Musikdramaturgie am Landestheater Coburg, arbeitet sie seit 2011 beim Rheingau Musik Festival.

PERSPEKTIVEN

Folge 11 | Das »Ticketbüro«

Ein Blick hinter die Kulissen der Rheingau Musik Festival Service GmbH & Co. KG

Clara Herrmann Tickets
Clara Herrmann mit »Festival-Roller« beim Eröffnungskonzert 2012

Clara Herrmann, Tochter des Festivalintendanten Michael Herrmann, kann sich einen Sommer OHNE Musik gar nicht vorstellen:

»Inoffiziell bin ich schon seit der ersten Konzertveranstaltung dabei. Während ich zu Beginn am liebsten den Mitarbeitern die Büroklammern geklaut habe, um daraus Armbänder zu basteln, arbeitete ich später als Konzerthostess, half im Vorverkauf aus und arbeite nun seit dem 01. Januar 2012 fest bei der Rheingau Musik Festival Service GmbH & Co. KG.

Einen Sommer ohne das Rheingau Musik Festival kenne ich nicht und ich hoffe, dass das auch noch lange so bleibt! Veranstaltungen, auf die ich mich dieses Jahr freue, sind u.a. die mit Babette Haag am 27. Juli auf Schloss Johannisberg oder am 16. August mit Tzimon Barto und Christoph Eschenbach im Kurhaus Wiesbaden.«

Patricia Plettner Tickets
Patricia Plettner

Patricia Plettner arbeitet bereits seit 1998 beim Rheingau Musik Festival.

 

»Meine Aufgaben im Kartenvorverkauf sind u.a das Einrichten der Veranstaltungen im Verkaufssystem und die Bearbeitung von Kartenbestellungen und Anfragen, die uns telefonisch und online erreichen. Während der Festivalsaison bereite ich alle unsere Tages- bzw. Abendkassen vor. Die anschließende Abrechnung der Veranstaltungen fällt ebenfalls in meinen Aufgabenbereich.

 

Ich als echtes »Rheingauer Mädsche« empfinde und erlebe das Rheingau Musik Festival seit vielen Jahren als Bereicherung dieser Region in jeglicher Hinsicht. Für mich ist es eine optimale Symbiose zwischen einer Kulturlandschaft, ihrer Lebensart & Musik - und es freut mich sehr zu sehen, wie diese Bindung stetig wächst und gedeiht.

 

Eins meiner persönlichen Highlights wird am 24. und 25.07. die Veranstaltung mit FunTastix: »Mozartkugeln mit Rossinis« sein, da man dort ein Stück Rheingauer Lebensart im Weingut Diefenhardt in Martinsthal atmen kann. Außerdem werde ich das Konzert am 18.08. im Kurhaus Wiesbaden mit Nelson Freire und dem Orquestra Sinfônica do Estado de São Paulo nicht verpassen! Das Dirigat hat Marin Alsop und ist als eine der wenigen weiblichen Dirigentinnen sicherlich sehenswert.«

Jan Polewski ist seit 2007 beim Rheingau Musik Festival. Als professioneller Sänger ist er unseren Kunden ein verlässlicher musikalischer Berater:

 

»Besonders freue ich mich auf das Konzert des Johann Rosenmüller Ensembles am 10.08. in der Basilika von Kloster Eberbach. Es erklingt unter anderem die Missa Solemnis von Joseph Schmitt, einem ehemaligen Mönch der Abtei. 

 

Das Konzert der Lautten Compagney am 22.08. im Laiendormitorium des Klosters wird sicher ebenfalls eine spannende Sache: Die Musiker um Wolfgang Katschner – allesamt Spezialisten für Alte Musik – faszinieren und überraschen immer wieder mit Raritäten und Ausgrabungen.

 

Außerdem freue ich mich natürlich auf die vielen »alten Bekannten« und Kollegen, die ich sowohl aus meiner Zeit als aktiver Musiker als auch aus meiner Tätigkeit als Künstlerbetreuer kennengelernt habe.«

Ulrike Stoll
Ulrike Stoll

Auch Ulrike Stoll blickt bereits auf viele Festivaljahre zurück:

»Als ich vor 13 Jahren als Aushilfe im Kartenvorverkauf anfing, suchte ich einfach eine Beschäftigung, um nach mehrjähriger Kinderpause wieder ins Berufsleben einzusteigen. Mit Karten drucken und verschicken fing alles an - dann kam das Telefonieren und Verkaufen dazu.

Inzwischen mache ich die komplette Buchhaltung für die RMF-Service GmbH sowie für unsere Vorverkaufsstelle Tickets für Rhein Main in der Galeria Kaufhof in Wiesbaden.

Die Arbeit in unserem kleinen, familiären Team macht mir viel Spaß und ich denke, dass sich das auch auf unsere Kunden überträgt, die uns seit vielen Jahren die Treue halten. Somit sage ich dem Festival noch viele erfolgreiche Sommer voller Musik voraus!

Meine Konzerttipps:

Ganz klar Rund um den Globus am 12.08. - Ein Fest für die ganze Familie mit Musik aus aller Welt! Sehr gespannt bin ich aber auch auf den 26.07.: Aurelio & The Garifuna Soul Band! Zum einen, weil dort ganz besondere, vielschichtige Musik zu hören sein wird; zum anderen, weil ich den Veranstaltungsort so mag und die Seebühne ansich schon so einen besonderen Flair hat.«

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Folge 10 | Abgründige Seelenlandschaften im abendsonnigen Rheingau

6.7. Beeindruckendes Cellorezital mit Alban Gerhardt und Steven Osborne

Alban Gerhardt Perspektiven

» Der äußere Rahmen – der Fürst-von-Metternich-Saal auf Schloss Johannisberg, das Rheingau Musik Festival, ein phantastischer Sommerabend, ein froh gestimmtes Publikum, die elegante Begrüßung – suggerierte erst einmal etwas ganz anderes als das, was das Recital von Alban Gerhardt und Steven Osborne auszeichnete: eine kompromisslose, häufig schonungslose Darstellungsweise, die interpretatorisch unablässig bis an die äußersten Grenzen ging.

 

Der Auftritt der beiden Musiker war sympathisch unkonventionell; Steven Osborne mit den Noten unterm Arm, beide freundlich-locker, als seien sie talentierte Musikstudenten, nicht Weltstars. Was dann folgte, hätte man auch an der Bühnenanordnung ablesen können: Im Zentrum stand frontal und mit weniger als zwei Meter Distanz zum Publikum Gerhardts Stuhl, der den Steinway scheinbar ins zweite Glied verwies. Im Verlaufe des Abends wechselte diese Dominanz aber recht bald und die zentrale Position Gerhardts wurde quasi zur Couch, Steve Osborne am Klavier übernahm den Part eines hellwachen, gleichzeitig mit analytischer Schärfe und wissender Ruhe agierenden Psychologen.

 

Bereits diese ersten, scheinbar beiläufigen Töne waren Ausdruck einer abgründigen Seelenlandschaft, die die verstörende erste Cellosonate von Alfred Schnittke in sich trägt und die Gerhardt und Osborne in jeder Faser der Musik deutlich machten. Depressiv verhauchte Liegetöne gingen bis an die Grenze des Hörbaren, einschneidende Celloklänge lasteten mit zentnerschwerem Bogendruck auf der Saite, Gerhardt produzierte direkt am Steg harte, fast brechende Klänge, die sich in trotzigen bis berstenden Pizzicati entluden. Daran anschließend ganz leise hoffende Töne in fahler, verdruckster Klangfarbe. Wie Balsam wirkten dann die ruhigen, aber eigenartigen Klänge des einsetzenden Klaviers. Gleichsam im klinischen Weiß schien Osborne die disparaten Gedanken der Cello-Klage zu ordnen und gleichzeitig in unerbittlicher Strenge und Härte mit der Realität zu konfrontieren.

 

Im aufwühlenden zweiten Satz setzte sich das Spiel fort: Osborne parierte mit Brillanz und Härte in extremsten Diskant- und Basslagen die absurd schnellen Tongespinste, die Gerhardt auf seinem Instrument hervorbrachte. Sehr schnell geriet das Ganze wie bei einem intensiven Schauspielabend zu einem abgründigen Psychogramm. Der dritte Satz mündete in eine unentrinnbare Tristesse und Einsamkeit, in die hinein nur ganz schemenhaft und in gedeckten Farben ein eher im Jenseits beheimateter Ausweg aufleuchtete. Mit fahler Flageolett-Farbe im Cello und einer leisen Perpetuum mobile-Reminiszenz an den 2. Satz im Klavier endete dieser 3. Satz verstörend. –

 

So wunderte sich der Konzertbesucher, dass dieser deprimierenden Ausweglosigkeit noch ein weiterer Satz folgen soll. Beide Musiker setzten erneut an.

 

Die ersten Töne klangen wie aus einer fernen Welt und waren doch vertraut wie ein Kinderlied. Leise verhießen sie Rettung und wirkten wie Balsam auf die abgekämpfte Seele (auch jene der Zuhörer). Bald kam es dem Hörer zum Bewusstsein, dass es die erste Brahms-Cellosonate war, die ohne Unterbrechung der Schnittke-Sonate folgte und die nach diesem »Vorspiel« noch einmal mehr ihren ganzen klanglichen Reichtum offenbarte.

 

Doch allein als wohl tönendes Gegenbild zum 20. Jahrhundert und als Belohnung nach Schnittkes Berserker-Stück wollten Gerhardt und Osborne den Brahms nicht verstanden wissen. Vielmehr erkundeten sie in ähnlicher Weise Brahms Seelenlage, die sich auch im zarten melancholischen Ausdruck andeutete. Das scheinbar Humorvolle des Menuetts mit den melodisch-harmonischen Irrwegen deckte so auch manch krankhafte Momente auf, die nach Beachtung und Heilung schrien. Selbst die (äußerst trocken servierte) Kontrapunktik des dritten Satzes wirkte eher bedrohlich und das Jubelnde des zweiten Themas entpuppte sich nur als unerreichbare Verheißung einer Rettung.

 

So galt es, mit großer Leidenschaft und innerer Kraft den mühsamen Weg durchs harte Leben fortzusetzen und zu bestehen. Ob allen Phrasen des Kopfsatzes tatsächlich so rigoros eine romantische Emphase vorenthalten muss, fragte man sich bei dieser Sonate schon. Hier schien die immense Kraftanstrengung der Musiker auch manchmal an ihre Grenzen zu kommen. Doch hielten beide diese tour de force grandios durch bis hin zum Schlussakkord, bei dem die Wucht so groß war, dass Gerhardt tatsächlich der Stachel wegrutschte. – Nicht Ende nehmender Applaus.

 

Es ist doch erst Pause…? Doch das Publikum hatte Recht: denn mit diesen zwei Sonaten war in dieser höchste Kraft und Ausdauer fordernden Kombination eigentlich alles gesagt. Schumanns »Fünf Stücke im Volkston«, die Harmloses suggerieren, technisch und musikalisch aber äußerst komplex sind, und Brittens hochvirtuose Cellosonate, die eine versöhnende Brücke zwischen dem Leiden und dessen Überwinden zu bilden schien, waren 'nur' weitere Fortsetzungen des Exzellenten im ersten Teil Gehörten.

 

Mit dem 5. Satz »Louange à l'éternité de Jésus« aus dem »Quatuor pour la fin du temps« von Olivier Messiaen bedankten sich die Musiker bei dem Publikum für seine ungeheure Aufmerksamkeit und das große Durchhaltevermögen. «

Zum Autor: Ansgar Menze studierte Musikwissenschaft, Neuere deutsche Literaturwissenschaft und Staatsrecht in Bonn und Wien. Als Künstlerischer Produktionsleiter verantwortet er Konzert- und Opernfestivals im In- und Ausland. Darüber hinaus gibt er Notentexte heraus und wirkt als Konzertdramaturg.

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Folge 9 | Buntes Treiben im Kurhaus Wiesbaden

8.7. Kindersinfoniekonzert »Der Karneval der Tiere«

Karneval der Tiere
Rufus Beck, Anthony & Joseph Paratore und die Dresdner Kapellsolisten (Leitung: Helmut Branny) erwecken den Karneval der Tiere zum Leben. (c) AKM

»Dem ehrwürdigen Friedrich-von-Thiersch-Saal im Kurhaus Wiesbaden bot sich an diesem Nachmittag ein besonderer Anblick, denn er füllte sich mit einer großen Schar festlich gekleideter, munterer Kinder. So senkte sich auch kein vollkommenes Schweigen über den Saal, als die Dresdner Kapellsolisten und das Klavierduo Anthony & Joseph Paratore die Bühne betraten, sondern die erwartungsvolle Atmosphäre wurde immer wieder von Ausrufen, wie »Aber Papa, wo ist denn die Flöte?« unterbrochen. Dennoch wurden die Vorgänge auf der Bühne aufmerksam verfolgt und man konnte viele Kinder sehen, die vor Neugier von ihren Sitzen aufgestanden waren und sich bis an das Geländer des Ranges begeben hatten, um nur ja nichts zu verpassen.

 

Als dann Edmund Angerers »Kindersinfonie« erklang, regten besonders die eingestreuten Vogellaute zur Kommentierung und Nachahmung an. Fröhlich gestimmt durch die vielen »Kuckucks« und besonders das schwungvolle Presto, welches zu Ende der Sinfonie erklang und dessen Rhythmus so manchen der kleinen Gäste zum Mitwippen einlud, war der Umschwung auf das eher ruhige »Ma mère l´oye« von Maurice Ravel für manche etwas schwierig. Doch nach und nach gab sich so mancher junger Zuhörer auf dem Schoß seiner Eltern ganz den träumerischen Klängen hin, wobei nicht selten die Blicke auf die prachtvolle Deckenverzierung des Saals wanderten.

 

Der Höhepunkt des Nachmittags war aber außer Frage der Namensgeber der Veranstaltung, Camille Saint-Saëns »Der Karneval der Tiere«, der von allen sehnsüchtig erwartet wurde. Rufus Beck gelang es auf unnachahmliche Weise den gesamten Reigen der Tiere dem gespannt lauschenden Konzertpublikum vor Augen zu führen. So versammelten sich Löwen, Nashörner, Mehlwürmer, hüpfende Kängurus und tanzende Elefanten und wurden durch die Instrumente der Kapellsolisten und dem als »Eichhörnchen« betitelten Klavierduo sowie Becks Stimme zum Leben erweckt. Spätestens als der Erzähler bei Auftritt des Kolibrischwarms alle Kinder animierte, auf ihre Stühle zu steigen und selbst als Kolibris mit den Armen durch die Luft zu schwirren, war klar, dass er sein Publikum gebannt hatte. So gelang ihm mit seiner Interpretation der Katzenmama, die ihre quengelnden Jungen barsch zum Schweigen aufforderte, auch das an diesem Nachmittag fast unmöglich scheinende: für einen Moment herrschte vollkommene Stille im Saal, die sich sogar für die gesamte Dauer des Auftritts des Schwans hielt.

 

Erst zum großen Finale, welches nach anhaltendem Applaus und viel Jubel der Gäste gleich noch einmal als Zugabe wiederholt wurde, wurde wieder mitgeklatscht und mitgewippt und so wogte nach Ende des Konzerts eine beschwingte Menge aus dem Saal hinaus in den sonnigen Frühabend. Ganz sicher haben sich bei dem ein oder anderen das Zwitschern und Tirillieren der Vögel und all die anderen fröhlichen Melodien noch eine Weile im Kopf gehalten.«

Autorin: Lena Wetenkamp, 28, promoviert im Bereich der Neueren Deutschen Literaturwissenschaft am Deutschen Institut der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. In ihrer Freizeit spielt sie Cello.

PERSPEKTIVEN

Folge 8 | Zum Komponistenportrait

4.7. Peter Eötvös im Gespräch

»Das Gespräch mit dem Komponisten zeigte diesen als interessanten und sympathischen Künstler. Japanische Kultur war ein Thema. Elektronik auch. Die Stücke wurden besprochen und erklärt. Alles niveauvoll und hilfreich. Man erfuhr über die Opferung des Lebens als höchste Form der Kunst, Thema in »Harakiri« für Sopran, Bassklarinetten, Holzhacker und Sprecher. Der Holzhacker hatte seine Ironie, nach zwanzig Minute war diese leider ein wenig verflogen. Qualitätvolle instrumentale Begleitung gab es vom Ensemble Modern. Und auch in der Rolle der Natascha aus »Drei Schwestern« wirkte Ines Reinhardt mit ihrer Arie sehr authentisch. Die Aufgabe der sprechenden Cellistin wurde als sehr komplex eingeführt. Die Schwierigkeit einen gesprochenen Text mit Cellobegleitung gleichzeitig zu präsentieren, erfordert ein hohes Maß an Konzentration, die dem Text eine sehr rhythmische Grundstruktur verlieh. Das kammermusikalische Programm wurde von vokalen Stücken dominiert. Nicht verwunderlich für einen Komponisten, der vor allem mit Opernerfolgen für Schlagzeilen sorgte. Nach der Pause folgte mit »Sonata per sei« noch ein rein instrumentales Werk. Es war ein runder Abend, der ein ansprechendes Bild der Person Eötvös vermittelte. Das Programm lieferte eine Übersicht aus vier Jahrzehnten, in dem man den Personalstil des Künstlers verfolgen konnte. Portrait geglückt.«

Zum Autor: Moritz Klenk studiert Musikwissenschaft und Betriebswirtschaftslehre an der Universität Mainz. Neben dem Verfassen seiner Magisterarbeit ist er ehrenamtlich in der Orchesterorganisation tätig.

PERSPEKTIVEN

Folge 7 | Aus dem Publikum

28.06.: Lisa Batiashvili | Truls Mørk | DSO | Tukan Sokhiev

»Das Zusammenspiel von Lisa Batiashvili und Truls Mørk hat mich sehr beeindruckt. Beide haben sich sehr stark solistisch präsentiert und sind doch zu einem Duo verschmolzen. Dann der volle Klang der beiden Instrumente! Die Engleman-Stradivari und das Montagnana-Cello haben so unglaublich in diesem Doppelkonzert harmoniert! Man hat deutlich gespürt, dass sie das Publikum verzaubern mit ihrer Kunst. Das Deutsche Symphonie-Orchester Berlin habe ich als sehr ausdrucksstark erlebt und besonders die Enigma-Variationen haben mich berührt. Mit einem warmherzigen, tiefgründigen Ton und großen Spannungsbögen haben sie die Zuhörer mit jeder Note gefesselt.

 

Das Konzert war auf jeden Fall ein Highlight für mich. Es ist so schön, dass es Festivals wie das Rheingau Musik Festival gibt, bei denen man Veranstaltungen auf so einem hohen Niveau und mit so renommierten Musiker erleben kann.«

Shirin Tashibaeva, geboren in Kyrgystan, studiert Violoncello an der Hochschule für Musik Mainz. Sie spielt in mehreren Orchestern und konzertiert bereits auf internationalen Podien - unter anderem mit dem TurkSoy Chamber Orchestra und dem Presidential Chamber Orchestra “Manas” Bischkek.

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